DER
GEWITZTE BETTELMÖNCH
Früher
einmal ging ein Bettelmönch
durch eine öde Gegend. Tagelang
hatte er keine Menschenseele getroffen und kein Almosen empfangen. Von
Hunger und Durst geplagt, zog er erschöpft umher. Da sah er plötzlich in
der Ferne eine Jurte. Voll Freude eilte er auf sie zu und klopfte an die Tür.
Er sah sofort, dass hier eine wohlhabende Familie lebte.
Als
er eintrat, war nur die Hausfrau da. Der hungrige Wanderer grüßte und
setzte sich. Die Frau legte ein paar harte Aaruulstücke auf einen Teller,
füllte eine Schale mit Milchtee und reichte beides dem Gast. Nach einer
Weile nahm sie einen Topf mit alter Suppe und stellte ihn auf das Feuer.
"Mein Mann wird gleich kommen", sagte sie, "ich muss das
Essen kochen." Sie nahm ein paar Reiskörner und warf sie in die
Suppe.
Nun
ja, die Frau ist recht hübsch, überlegte der Mönch, aber anscheinend
sehr geizig. Das werde ich gleich herausbekommen. Er hielt seinen Kopf
schief und tat, als lausche er angestrengt. Plötzlich rief er: „He,
he!“
„Was
ist?“ fragte die Frau erschrocken.
„Ach,
es ist nichts,“ entgegnete der Bettelmönch, "ich finde es nur
komisch, dass der Reis überall mit anderen Wörtern kocht. Bei uns zum
Beispiel flüstern die Reiskörner im Topf miteinander: Ich schwimme
hierhin, du schwimmst dorthin. Aber
Eure Reiskörner rufen: Hallo! Wo bist du? Wo bin ich?
In dem großen Suppentopf sind sie so weit voneinander entfernt,
dass sie sich fürchten, darum schreien sie so. Nun, das hörte ich und
rief deshalb: „He, he!“
Der
Hausfrau war es peinlich, dass der Gast ihren Geiz bemerkt hatte. Sie ging
zum Feuer und schüttete nochmals Reis in die Suppe.